An die Mitglieder des Vorstandes der Gesellschaften PDF Print E-mail

Prof. Dr. Martin Stöhr
Fröbelstr. 10
61118 Bad Vilbel

 

An die Mitglieder des Vorstandes der Gesellschaften
für christlich-jüdische Zusammenarbeit – Deutscher
Koordinierungsrat – DKR -
Otto-Weiß-Str. 2
61214  BAD  NAUHEIM

16.2.2012

 

Verehrte Freunde,

 

mit wachsendem Unverständnis  lese ich die Presseerklärung zu dem Brief an den ehemaligen Bundespräsidenten Prof. Dr. Roman Herzog, in dem der DKR mit  „großen Befremden“ Herrn Herzog kritisiert, dass er die Laudatio auf den „umstrittenen Theologen“ Mitri Raheb (Bethlehem) hält. Anlass ist die Verleihung des Deutschen  Medienpreises an ihn und drei andere, die gerade nicht zu den üblicherweise als „prominent“ bezeichneten Menschen gehören. Der evangelische Pfarrer Raheb bekommt expressis verbis den Preis für seine Aufbauleistungen im Bereich von Gesundheits-, Bildungs- und Kultureinrichtungen, die in einer durch Besatzungspolitik und Arbeitslosigkeit geprägten Stadt vielen Menschen Perspektiven für eine lebenswertere Zukunft eröffnen. Die von ihm und seiner Gemeinde gegründeten und getragenen Einrichtungen sind außerdem der drittgrößte Arbeitgeber in Betlehem. Er hat den Preis in dieser Sache verdient.

Eine dem Dialog verpflichtete Organisation mit großen Verdiensten wie der DKR verweigert bedauerlicherweise den Dialog mit ihm da, wo er heute wirklich nötig ist. Der Vorstand des DKR kanzelt ihn im Ton von Ketzerrichtern ab. Wird nicht damit auch seine Gemeinde getroffen, für die er steht? Unsere eindeutige Solidarität mit dem Staat Israel und seinen Menschen schließt eine Wahrnehmung palästinensischer Kritik an der israelischen Regierung nicht aus, Sie verlangt das Gespräch zwischen den unterschiedlichen Völkern, Gruppen und Menschen in der komplizierten und explosiven Situation des Nahen Ostens. Wer die Siedler nicht als die typischen Vertreter der israelischen Bevölkerung ansehen will, darf auch Pfarrer Raheb nicht auf seine unsäglichen Äußerungen über eine DNA-Analyse reduzieren.

Eine der zentralen Aufgaben ist es, Unkenntnis, Misstrauen und Feindschaften abzubauen, statt sie zu verstärken – auf beiden Seiten und hierzulande. Deutliche Positionen zu beziehen, heißt auch, sowohl einseitige Schuldzuweisungen wie billige Harmonisierungen in dem still stehenden Friedensprozess zu unterlassen. Das bedeutet aber auch, mit den Betroffenen persönlich das Gespräch zu suchen, wie es zB der Internationale Rat der Juden und Christen (unsere internationale Dachorganisation ICCJ) tut, und zugleich zu verhindern, dass in der öffentlichen Debatte durch schnelle Klischees eine Polarisierung weiter voran getrieben wird. Die von uns zu leistende Aufklärung und Streitkultur kann und soll besser praktiziert werden als in der Ausladung von Herrn Herzog.

Ich schreibe diesen Brief, gerade weil ich in vielen theologischen und politischen Einschätzungen dezidiert anderer Meinung bin als mein Kollege Raheb. Darüber habe ich mich mit ihm auseinandergesetzt; das werde ich auch weiterhin tun. Ich schreibe diesen Brief aber auch als ein langjähriger Präsident des DKR (gemeinsam mit Rabbiner Dr. Levinson und Pater Dr. Eckert) und als jemand, der seit seiner Studentenzeit gern ein aktives Mitglied in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist.

 

Mit freundlichen Grüßen