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Pfarrer der Weihnachtskirche klagt ueber Beschraenkungen
"Das kleine Bethlehem ist ein grosses Gefaengnis"
"Das Heilige Land braucht keine Beschraenkungen, sondern Bruecken", meint der palaestinensische Christ und lutherische Pfarrer an der Weihnachtskirche in Bethlehem, Mitri Raheb. An Bundeskanzlerin Angela Merkel appelliert der promovierte Theologe, sich bei ihrem Israelbesuch Ende Januar auch ueber die Situation in der Geburststadt Jesu zu informieren. Denn die gespannte Situation in Palaestina habe sich auch durch den vollzogenen Abzug der Israelis im Gazastreifen nicht geaendert.
Herr Raheb, in den letzten Tagen erreichten uns Meldungen ueber eine kurzzeitige Besetzung des Krippenplatzes in Bethlehem durch Al – Aksa- Brigaden.
Es war nicht der Krippenplatz, sondern das Dach des Rathauses.
In derselben Meldung wurde ein israelischer Militaersprecher zitiert, der sagt, dass es in Bethlehem "unter der Oberflaeche" keineswegs so ruhig sei, wie es auf Pilger den Eindruck mache?
Ich frage mich, warum er das sagt. Bethlehem wird von allen als die ruhigste Stadt in Palaestina eingeschaetzt. Der von Ihnen erwaehnte Vorfall haengt mit Machtkaempfen innerhalb der Fatah- Partei zusammen. Natuerlich waren die Menschen darueber bestuerzt. Der Patriarch und viele Minister haben gerade den Weihnachtsmarkt besucht. Die Aktion dieser bewaffneten Kaempfer war unverantwortlich, das Gleiche gilt aber auch fuer die Aeusserung des Militaersprechers, der den Tourismus in Bethlehem kaputt machen moechte.
Sollte nicht der Ausbau einer Kontrollstelle durch die Israelis den Tourismus erleichtern und die Wartezeiten verringern?
Es ist sogar schlimmer geworden und schrecklicher als am Checkpoint Charly. Da muss man durch acht Schleusentueren, durch zwei Scanner hindurch, man sieht keine Menschen, da sind keine Hinweisschilder, man wird nur von einer mechanischen Stimme befohlen, rechts, links, geradeaus zu gehen. Zwei Soldaten, die auf einer Art Bruecke stehen, zeigen auf einen mit ihren Gewehren. Also wirklich: All diese alten Bilder vom Checkpoint Charly in Berlin kommen einem in den Sinn. Das sagen uebrigens auch israelische Reiseagenturen, die dem zustaendigen Ministerium bereits signalisiert haben, dass sich die israelische Besatzung hier von der haesslichen Seite zeige. Sie haben die israelische Regierung gebeten, das zu aendern.
Muessen auch Touristen durch diese Schleuse?
Klar.
Sie meinen, das passiert mit Kalkuel, um den Tourismus in Palaestina auszuhungern?
Klar, und vor allem Bethlehem. Bei einem grossen Treffen von israelischen und palaestinensischen Reisefachleuten mit der Weltbank juengst in London ging es genau darum. Man hat sich geeinigt, dass sich die Weltbank einschalten soll, damit die Zukunft Bethlehems gesichert werden kann.
Nochmal zur Eingangsfrage. Hat der Vorfall mit den Al- Aksa- Brigaden etwas mit Problemen zwischen Muslimen und Christen zu tun, die mittlerweile in der Minderzahl sind?
Nein, ueberhaupt nicht. Das hat mit Machtkaempfen innerhalb der Fatah- Partei etwas zu tun, das sind Muslime gegen Muslime. Aber natuerlich sorgen solche Vorfaelle fuer negative Schlagzeilen, die Israel ausschlachtet.
Die Situation, die Sie schildern, widerspricht den Hoffnungen, die man sich nach dem Abzug Israels im Gazastreifen gemacht hat. Von Ruhe, von Normalisierung ist bei Ihnen nichts zu verspueren?
Nein, jedenfalls nicht in der Westbank. Mit Gaza wollte Regierungschef Sharon die Augen der Welt von der Westbank ablenken. In der Westbank wird die Mauer weitergebaut, wird Land enteignet, werden mehr Checkpoints errichtet. Das wird alles schoen zugedeckt.
Im letzten Jahr gab es Klagen, dass der Zugang fuer kranke Kinder zum Babyhospital in Bethlehem durch die israelischen Checkpoints immer schwieriger wird; hat sich die Situation entspannt?
Nein, sie hat sich sogar verschaerft. Wenn die Mauer fertig gebaut ist, das wird im naechsten Jahr der Fall sein, dann gibt es nur noch drei Tore, die nach Bethlehem und heraus fuehren. Dann wird aus dieser kleinen Stadt ein grosses Gefaengnis. Und vieleicht will ja der israelische Sprecher, dass die Leute die Nase voll haben von der israelischen Besatzungsmassnahme.
Herr Raheb, Sie sind in Deutschland kein Unbekannter. Was laesst sich von ihrer Seite aus tun, um palaestinensischen Terror einzudaemmen? In unserem Begegnungszentrum setzen wir uns dafuer ein, dass die Menschen in Palaestina nicht nur an ein Leben nach dem Tod glauben. Vielmehr sollen sie erkennen, dass es ein Leben vor dem Tod gibt; dass es sich zu leben lohnt. Darauf ziehlt unsere Arbeit. Wo Hoffnung herrscht, da gibt es keine Selbstmordattentate. Wo Hoffnung herrscht, da gibt es keinen Terror. Wo Hoffnung herrscht, da gibt es Kreativitaet. Trotz allem sprudelt das Zentrum hier staendig voller Leben. Das ist die Antwort auf die Israelis, die das menschliche Gesicht Palaestinas nicht sehen wollen. Sie moechten jede Hoffnung in Palaestina zerstoeren. Wir sagen, dass es schade ist um jedes Leben, egal, ob es einem Palaestinenser oder einem Israeli gehoert. Es ist schade um jedes Leben, das da verloren geht.
Ist das Ihre Weihnachtsbotschaft 2005 auf Bethlehem?
Das Heilige Land braucht keine Mauern, sondern Bruecken. Es ist eine Schande, dass, nachdem in Deutschland die Mauer gefallen ist, und wir gedacht haben, dass die Menschen vernuenftiger geworden sind, im 21. Jahrhundert hier eine noch groessere und eine noch laengere Mauer gebaut wird. Das ist nicht das, was das Heilige Land braucht. Das Land braucht Bruecken. Die Weihnachtsbotschaft lautet, dass durch die Inkarnation Gottes eine Bruecke zu den Menschen hin geschlagen wird. Deshalb sollten wir auch untereinander Bruecken aufbauen.
Was koennen deutsche Christen tun, um einen Schritt hin zu Normalisierung in der Region zu unterstuetzen?
Erstens sollten sich die Menschen in Deutschland darueber informieren, wie es wirklich hier zugeht. Das Zweite ist, dass man wieder ins Heilige Land kommt und uns besucht, vor allem aber: in Bethlehem uebernachtet. Ich bin froh, dass die wichtigsten deutschen Reiseagenturen mittlerweile wieder zwei Uebernachtungen in Bethlehem anbieten. Und drittens hoffe ich, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Ende Januar Israel besuchen wird, auch Palaestina und Bethlehem einen Besuch abstatten wird.
Aus: Nuernberger Zeitung, "Das kleine Bethlehem ist ein grosses Gefaengnis", Nuernberg, 23.12.2005
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