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"Es gibt mehr Gewalt"
Mitri Raheb zur Situation in Bethlehem vor den israelischen Wahlen
Am 28. Maerz wird in Israel gewaehlt. Nach dem Sieg der Hamas bei den Wahlen in den Palaestinensergebieten blicken auch die Christen von Bethlehem gespannt den Wahlen entgegen. Ute Sauerbrey sprach darueber mit Mitri Raheb, dem Pfarrer der Lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem.
Herr Raheb, was hat sich in Bethlehem seit den Wahlen in Palaestina veraendert? Die Sicherheitskontrollen der Israelis sind schaerfer geworden. Sonst hat sich nicht viel veraendert, nachdem der erste Schock vorbei war. Und geschockt war auch die Hamas selbst, fuer die der Oppositionsessel ja viel bequemer gewesen waere.
Wie funktioniert das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen in Bethlehem?
Nicht das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist schwer, das Leben in Bethlehem ist schwer geworden. Stellen Sie sich vor, Sie sind Erzieherin und haben 15 Kinder in einem schoenen Gruppenraum, einen Spielplatz und eine Wiese vor dem Haus. Und dann steht Ihnen auf einmal nur noch ein Viertel des Raumes zur Verfuegung, Sie haben keinen Spielplatz und keine Wiese mehr. Das ist es, was in den Palaestinensergebieten geschieht. Das hat Konsequenzen- nicht nur fuer das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen. Es gibt generell mehr Gewalt, auch Eheprobleme zum Beispiel. Aber man muss das vor dem Hintergrund sehen, dass wir auf beengtem Raum eingesperrt sind. Wenn ich ueberlege, wie viele Gemeindemitglieder frueher in Jerusalem gearbeitet haben- heute ist es nur noch ein einziger, und der arbeitet fuer die UN. UN- Busse holen ihn taeglich zur Arbeit ab. Oder ein anderes Beispiel: Als Weihnachtsgeschenk wollten wir mit den Kindern aus dem Kindergottesdient einen Ausflug machen. Die Kinder wollten nach Galilaea, die meisten waren noch nie dort. Meine Toechter, sie sind elf und 15 Jahre alt, waren oefter in Europa als in Jerusalem. Frueher war man jeden Tag in Jerusalem.
Und konnten Sie den Ausflug mit den Kindern machen?
Wir bestellten also einen Bus. Wir haben den Checkpoint bei Bethlehem passiert, sind nach Jericho gefahren und von dort nordwaerts. Kurz vor dem Uebergang war eine Strassenkontrolle, und die israelischen Soldaten schickten den Bus zurueck, mit dem Argument, der Uebergang sei fuer Palaestinenser nicht erlaubt. Uns hatte das niemand gesagt. Am Ende sind wir nach Jericho zurueckgefahren. Sie koennen sich vorstellen, wie traurig und enttaeuscht die Kinder waren.
Haben Sie Erwartungen an die Wahl in Israel?
Nein. Aller Vorraussicht nach wird die Qadima gewinnen, die Partei, die Ariel Sharon gegruendet hat, als er im November 2005 den Likud verliess. Ich hoffe nicht, dass es eine Ueberraschung gibt und Likud und die Nationalreligioesen gewinnen.
Wie ist der Kontakt zwischen israelischen und palaestinensischen Buergerrechtlern?
Sehr schwer. Fuer uns ist es unmoeglich, nach Jerusalem zu fahren. Und die Israelis, selbst wenn sie wollten, duerfen nicht zu uns kommen. Nur, wenn sie die fuer die Siedler gebaute Strasse benutzen, aber auch das soll bis Ende des Jahres unmoeglich gemacht werden. Dann koennen nur noch Menschen mit einem anderen Pass nach Bethlehem kommen. Noch haben wir gemeinsame Kunstprojekte– etwa eine Ausstellung mit je acht juedischen und palaestinensischen Kuenstlern.
Und was erwarten Sie von den Europaeern?
Es ist eine Schande, dass Kanzlerin Merkel ins Heilige Land faehrt und als Pfarrerstochter und fruehere DDR- Buergerin kein Wort zu der Mauer sagt, die die Palaestinensergebiete abschliesst. Sie weiss, was eine Mauer bedeuted. Dass sie dazu schweigt, hat sie in meinen Augen unglaubwuerdig gemacht. Ich hoffe, dass Europa uns nicht im Stich laesst, auch wenn jetzt Hamas regiert. Es ist wichtig, weiter in Palaestina zu investieren. Nichts ist besser geeignet, eine radikale Kraft zu maessigen, als sie mit dem Alltagsgeschaeft des Regierens zu beauftragen. Die Zivilgesellschaften, die kirchlichen Einrichtungen brauchen Unterstuetzung aus dem Ausland. Wir Christen im Heiligen Land haben schon die roemische und die osmanische Besatzung ueberlebt, und wir werden vor, unter und nach Hamas in Palaestina leben.
Interview aus: dieKiche- Evangelische Wochenzeitung, "Es gibt mehr Gewalt", Berlin, 26. Maerz 2006, S.2
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