Gebremste Vision

 

Wie der lutherische Pfarrer von Bethlehem die arabischen Christen im Land halten will

 

Mitri Raheb ist evangelisch- lutherischer Pfarrer der Weihnachtskirche von Bethlehem. Der arabisch- palaestinensische Christ berichtete bei einem Besuch in der Sonntagsblatt- Redaktion ueber die Situation seiner Heimatstadt in der vorweihnachtlichen Zeit.

  

Israel hat erst kuerzlich einen modernen Checkpoint nach Bethlehem eingerichtet. Koennen nun die Weihnachtspilger kommen?

 

Der Checkpoint ist wohl Israels Weihnachtsgeschenk an unsere Stadt.

Statt "Macht hoch die Tuer" wird alles abgeriegelt, das ist doch absurd.

Besucher, die aus Solidaritaet mit uns hierher kommen, wird das nicht schrecken, normale Pilgertouristen dagegen schon.

 

Bethlehem ist von der israelischen Mauer nun fast vollstaendig umgeben.

 

Waehrend die Christen in der ganzen Welt das Weihnachtslied "Oh Bethlehem, du kleine Stadt" singen, sorgt Israel dafuer, dass diese Stadt so klein bleibt wie nur moeglich:

Naemlich 16 Quadrahtkilometer, umgeben von 50 km langen Mauern, Zaeunen, Graeben und elektrischem Stacheldraht, die jegliches zukuenftiges Wachstum ausschliessen.

Drei von vier Familien haben irgendwie in den Tourismus investiert, was wird nun daraus?

 

Wie wirkt sich das im Alltag aus?

 

Die Mauer schneidet zehntausende Menschen unseres Volkes von ihren Feldern ab, von Krankenstationen und Schulen.

Ich sorge mich um unsere Kinder, die nichts anderes zu sehen bekommen als hohe Betonmauern, haessliche Graeben und Sicherheitszaeune.

Eines Tages werden diese Mauern in ihren Koepfen verlaufen; sie vergessen, dass hinter den Mauern der Horizont liegt.

 

Israel hat die Mauer errichtet, um  mehr Sicherheit vor palaestinensischen Selbstmordattentaer zu bekommen.

 

Alles, was Israel macht, verkauft es als Sicherheit. Die Mauer hat aber mit Sicherheit nur wenig zu tun. Wer einen Anschlag verueben will, kommt da irgendwie rueber.

Die Mauer bedeuted vor allem einen Landraub, denn 138 christliche Familien haben dadurch keinen Zugang zu ihren Olivenhainen mehr.

Durch die Mauer bekommt die Besatzung ein Gesicht: Sie wird immer noch weit ins Palaestinensergebiet hineingebaut, Graeben und Erdwaelle erlauben keine Bewegungsfreiheit, die Schnellstrassen sind ja fuer die Israelis reserviert.

 

Trotzdem sind die Anschlaege in Israel seit dem Mauerbau stark zureuckgegangen.

 

Das liegt nicht an der Mauer, sondern an der Waffenruhe zwischen extremen Palaestinensergruppen und dem israelischen Militaer.

Es waere ja pervers, wenn die Palaestinenser durch neue Anschlaege nachweisen muessten, dass die Mauer Unsinn ist.

 

Wie kann der Konflikt zwischen Arabern und Juden geloest werden?

 

Drei Moeglichkeiten stehen im Raum:

Ein gemeinsamer Staat, ein Apartheidsmodell oder die Zweistaatenloesung.

Einen gemeinsamen Staat wird es nicht geben, weil Israel Angst vor der Bevoelkerungsentwicklung hat.

Die zweite Loesung wird gerade realisiert: Ministerpraesident Sharons Apartheidsmodell mit kaum lebensfaehigen palaestinensischen Inseln.

Mit der Mauer wird diese Loesung in Beton gegossen.

Ami Perez, der neu gewaehlte Vorsitzende der Arbeitspartei, will die Zweistaatenloesung.

Aber das will ja irgendwie alle Welt, inzwischen auch die Hamas und Ariel Sharon.

 

Welchen Weg favorisieren Sie?

 

Mich inspiriert die biblische Pfingstvision: Alle Gruppen des Nahen Ostens vom Libanon bis zum Euphrat gruenden eine Konfoederation- ohne ihre Eigenstaatlichkeit aufgeben zu muessen.

Jede Gruppe hat ihre eigene Sprache, eine Kommunikation ist dennoch moeglich.

 

Wie sieht das im Alltag aus?

 

Die beste Freundin meiner Tochter ist Muslimin, die weiss mehr ueber meine Tochter als ich. Ein anderes Beispiel:

Wenn alle Jahre wieder in den Strassen Bethlehems Weihnachtsdekoration angebracht wird, ist ein muslimischer Schuhhaendler die treibende Kraft.

Er besorgt die Lampen und haengt die Sterne mit viel Liebe an die richtige Stelle. Er tut dies mit Herz.

 

Also sind Sie doch dem Himmel sehr nahe?

 

Problematisch wird es, wenn ein ideologisiertes Kollektiv auftritt und Stimmung macht. Leider gibt es in beiden Lagern Stroemungen, die nicht gerne sehen, dass sich Christen und Moslems gut verstehen.

Das sind islamische Extremisten, aber auch die christliche Rechte in den USA.

Vor 50 Jahren waren 20 Prozent des Heiligen Landes Christen, heute sind es zwei Prozent.

 

Viele Christen verlassen wegen der israelischen Besatzung das Land.

Wir haben aber auch selber Fehler gemacht.

1966 hat unsere Verwaltung 50 000 Palaestinenser aus den Lagern im Libanon,in Jordanien, und Tunesien nach Palaestina geholt, Menschen, die in den Lagern Kaffee getrunken haben und keine Ausbildung mitbringen.

Keiner hat jedoch versucht, die bestausgebildeten Leute unseres Volkes zurueckzuholen, die in aller Welt verstreut sind.

Ihnen muessen wir das Gefuehl geben, dass hier etwas Tolles aufgebaut wird. Die muessen wir holen, und dafuer brauchen wir eine Vision.

 

Die evangelisch- lutherische Weihnachtskirche ist die viertgroesste in Bethlehem. Wie sieht dort die Gemeindearbeit aus?

 

Die Jugendarbeit steht im Vordergrund, von 220 Mitgliedern unserer Gemeinde sind 120 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Es gibt zwei Mal pro Mont ein Frauenfruehstueck, wir unterhalten seit 1995 ein internatinales Begegnungszentrum mit mittlerweile 77 Mitarbeitern und eine Schule mit 364 Kindern.

42 Prozent davon sind Christen, 57 Prozent Muslime.

Wir bemuehen uns um einen authentischen Tourismus zu den heiligen Staetten und planen ein christliches Kongresszentrum.

Das Heilige Land braucht keine Mauern, sondern Bruecken.  

 

 

 

Sonntagsblatt Evangelische Wochenzeitung fuer Bayern,

"Gebremste Vision – Wie der lutherische Pfarrer von Bethlehem die arabischen Christen im Land halten will", Ausgabe Muenchen und Oberbayern, 25.Dez.2005/1.Jan.2006, Seiten 4-6