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Interview mit Mitri Raheb
Herr Pfarrer Raheb, in ein paar Wochen singen die Christen wieder "Zu Bethlehem geboren / ist uns ein Kindelein"? Ist Ihnen auch zum Singen zumute? Wir singen natürlich einen anderen Text. Ich bin ja selbst auch in Bethlehem geboren, das bedeutet also nicht sehr viel. Die Situation bei uns ist sehr schwierig, aber umso wichtiger ist es, dass die Leute dort das Feiern nicht verlernen. Gerade haben wir unsere Stadt zum Advent mit Sternen und Lichterketten dekoriert, um etwas Wärme und Licht in diese Dunkelheit zu bringen. In Ihren neuesten Buch sprechen Sie von Bethlehem als einer "belagerten Stadt"... Israel baut derzeit um Bethlehem herum eine neun Meter hohe und 50 Kilometer lange Mauer. Die ist elektrisch gesichert und auf beiden Seiten mit Stacheldraht versehen. Gerade in der letzten Woche hat Israel, quasi als Weihnachtsgeschenk, am Eingang von Bethlehem seinen Checkpoint Charlie eröffnet: Einen Terminal, wo die Palästinenser beim Verlassen der Stadt durch acht Schleusen und Sicherheitstore durchmüssen. Schilder gibt es keine. Nur eine Computerstimme fordert einen auf: "Stopp! Jetzt links! Jetzt geradeaus!" Auf einer Magnetkarte werden alle Daten gespeichert, wer wann raus- und reingeht. Das ist schlimmer als damals der Grenzübergang zur DDR. Sie haben gerade einen Offenen Brief an Hillary Clinton geschrieben. Darin erklären Sie ihr, aus der kleinen Stadt Bethlehme sei ein großes Freiluftgefängnis geworden. Frau Clinton war vor ein paar Wochen in Israel. Da hat sie sich vor die Mauer gestellt, sich vor Bethlehem fotografieren lassen und gesagt, die Mauer sei nicht gegen die Palästinenser, sondern gegen Terroristen gerichtet. Das hat mich sehr geärgert, zumal ihr als Demokratin eigentlich Menschenrechte wichtig sein müssten. Es ist klar, dass sie bei solchen Worten an die große jüdische Gemeinde in New York denkt. Aber bitte nicht auf unsere Kosten. Wie beurteilen Sie denn die Israel-Politik der deutschen Regierung? Schwierige Frage. Der bisherige Außenminister Joschka Fischer hat eher versucht, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu managen als ihn zu lösen. Außerdem hat mich geärgert, dass die rot-grüne Regierung auf ihre letzten Tage Israel noch ein Atom-U-Boot geschenkt hat. Dabei gibt es nun wirklich genug Waffen im Nahen Osten. Und was die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung gesagt hat, fand ich auch nicht gerade erbauend. Sie hat nur einen Satz gesagt, nämlich dass Deutschland weiter eng an der Seite Israels stehe. Über die Palästinenser hat sie kein Wort verloren. In Israel ist soeben der 82-jährige Friedensnobelpreisträger Shimon Peres jetzt aus der Arbeitspartei ausgetreten, um ausgerechnet Ariel Sharon in dessen neuer Partei zu unterstützen? Für mich hat Peres schon vor vielen Jahren seine Glaubwürdigkeit verloren. Als ewiger Verlierer bietet er eine Art Feigenblatt für alles Schlimme an der israelischen Politik. Peres glaubt wohl, nur Scharon kann die Siedlungen in der Westbank wieder aufräumen. Aber der Scharon-Plan sieht vor, dass nur 50 Prozent der Westbank an die Palästinenser zurückgeben werden. Dann sieht die Westbank am Ende aus wie ein Stück Emmentaler Käse, wo Israel den Käse bekommt und die Palästinenser in den Löchern verdrängt werden. Bethlehem ist eines dieser Löcher. Woraus schöpfen Sie noch Hoffnung? Optimistisch bin ich nicht. Hoffung haben aber heißt zu wissen, dass die Welt morgen vielleicht untergeht, und dennoch heute Olivenbäume zu pflanzen. Wenn Sie heute keine Olivenbäume pflanzen, wird es übermorgen keinen Schatten geben, wo die Kinder spielen können. Es wird kein Öl geben, das die Wunden aller verwundeten Israeli und Palästinenser heilen wird. Und es wird keine Zweige geben, mit denen man winken kann, wenn der Friede kommt. |
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