Mitri Raheb, Bethlehem hinter Mauern, Geschichten der Hoffnung aus einer belagerten Stadt, Guetersloh, 2005

 

Ostern 2002: Die Stadt Bethlehem wird nach einem Selbstmordattentat in Jerusalem von der israelischen Armee belagert, besetzt und teilweise verwuestet.

Viele Einwohner werden im Zuge der militaerischen Operation verhaftet, einige getoetet.

Der lutherische Pfarrer Mitri Raheb beschreibt in beklemmenden Bildern, wie er und seine Familie die israelische Invasion erlebten, wie sie Todesaengste ausstanden, sich aber trotzdem den Soldaten mutig entgegenstellten.

 

Dieses Buch ist nicht nur ein bewegender Bericht ueber das Leben der Palaestinenser unter der Besetzung durch die Regierung des Staates Israel mit all den Qualen, dem Leid und den Demuetigungen, eine "Via Dolorosa" (vgl. S.97).

Mitri Raheb setzt das juedische Volk nicht gleich mit dem Staat Israel, durch den er persoenlich Erniedrigung, Bedraengung, die erfahrene Invasion und Isolation erfuhr.

So sieht er auch die falsche Politik, die Fehleinschaetzungen und die Unehrlichkeit seitens der eigenen Politiker (vgl. S.104).

Besonderes Interesse verdient Mitris These, "der Weltfriede haengt zu einem grossen Teil davon ab, ob die Welt versteht, dass das palaestinensische Volk viele Lasten stellvertretend fuer verschiedene Voelker traegt" (vgl. S.109).

Sie kulminiert in der Aeusserung "Der Holocaust hat nicht nur dem juedischen Volk geschadet, sondern auch den Palaestinensern, denn wir sind die Opfer der Opfer" (vgl. S.106).

"Wir bezahlen nicht nur fuer unsere eigene Schuld, sondern auch fuer die vielen anderen in der Welt. Eine Erloesung wird es fuer uns nur dann geben, wenn Israel, die arabische Welt und die juedische Diaspora ebenso wie Europa und die USA verstehen, dass die Palaestinenser fuer die Suenden aller bezahlen" (vgl. S.109).

Dennoch will er sein Volk nicht auf die Opferrolle festgelegt sehen.

Die christliche Hoffnung ueberwiegt (vgl. S. 146).

 

So ist Mitri Rahebs Bericht auch das lebendige Zeugnis eines Theologen, der seine Kraft aus den biblischen Texten schoepft. Karfreitag ist fuer die palaestinensischen Christen nicht nur die Erinnerung an Jesu Leiden und Tod, sondern auch an ihre Realitaet im Heiligen Land.

Im gewaltfreien Widerstand und der unwahrscheinlich grossen Geduld seines Volkes erblickt der Pfarrer aber auch ein Stueck Auferstehung.

Mitri Raheb ist ein christlicher Kaempfer voller Zorn, aber ohne jeden Hass, sein Buch ist voller Anklage, aber ohne jedes Rachegefuehl.

Deutlich kennzeichnet er den Unterschied zwischen dem islamischen Gottesbild und dem christlichen und widersteht jeglicher Verwischungstendenz (vgl. S.129).

 

Die Zeit der Okkupation wird nicht in allgemeinen Floskeln beschrieben, sondern sie bekommt ein menschliches Antlitz.

So zum Beispiel, als Pfarrer Raheb erzaehlt, wie eine Ausgangssperre ueber die Stadt verhaengt wurde und die Menschen trotz Lebensgefahr in die Kirche zum Gottesdienst am 1. Adventsonntag stroemten, als die Stadt bombadiert wurde und in der Kirche die Menschen den Reformationstag feierten und aus vollen Kehlen das Lied sangen: "Eine feste Burg ist unser Gott".

Der promovierte Pfarrer ist kein Jammerer. Er schildert die Situation, ohne sie zu beschoenigen, klagt an, nicht nur die israelische Armee und Regierung, sondern auch die Politiker und Behoerden seines eigenen Volkes.

Er skizziert Projekte der Hoffnung, die eine Zukunft in Palaestina moeglich erscheinen lassen, Seite an Seite mit den Menschen in Israel.

Liebevoll erzaehlt er von jenen gewaltfreien Aktionen, von denen wir selten in den Medien hoeren, wie zum Beispiel dem Schweigemarsch nach den schweren Raketenangriffen im Oktober 2000, an dem Christen und Muslime gemeinsam teilnahmen. Raheb ist ein Brueckenbauer und daher verabscheut er Grenzen, Zaeune und Mauern, die Menschen voneinader trennen und neuen Hass keimen lassen.

 

Dieses Buch ist nicht nur ein flammender Appell, sich fuer Menschlichkeit und Gerechtigkeit in Israel und Palaestina einzusetzen, es kritisiert in nachvollziehbarer Weise die durch die Satellitenbilder nachgewiesenen illegalen israelischen Siedlungen (vgl. S.178), die zur Zeit der Abfassung dieser Rezension gerade geraeumt werden und ebenso die Subventionen fuer die israelische Besatzung.

"Vielmehr sollte das Geld darauf verwendet werden, einen gerechten Frieden in der Region zu schaffen" (vgl. S.182).

Ein Wermutstropfen: Die angegebene Website der lutherischen Weihnachtskirche war im September 2005 unter der angegebenen Adresse auf S.164 nicht mehr erreichbar.

Dennoch ein Buch, das leicht zu lesen und der Muehe wert ist!

 

K.G. Marhoffer, Esch/Alzette    

 

 

Aus: Evangelische Kirchenbote von Luxembourg, Rezension zu Mitri Raheb: "Bethlehem hinter Mauern – Geschichten der Hoffnung aus einer belagerten Stadt", Esch/Alzette, September 2005