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Panzer vor der Wohnungstuer
Wie arbeitet ein Seelsorger, Pfarrer und Theologe im heutigen Bethlehem? Fragen an Mitri Raheb
Pfarrer Mitri Raheb, Sie sind international der bekannteste lutherische Theologe im Heiligen Land. Stellen Sie sich vor, Sie wuerden- wie einst der Reformator Martin Luther- Thesen an ihre Kirchentuer anschlagen.
Meine Thesen im aktuellen Kontext Bethlehem und Palaestina waeren:
Was lehrt das Evangelium im Kontext des heutigen Bethlehems?
Zuallererst sagt das Evangelium uns palaestinensischen Christen, dass wir nicht in die Hoffnungslosigkeit verfallen sollen. Das Evangelium troestet uns. Es gibt den Verzweifelten, Gedemuetigten und Niedergeworfenen Mut. Das Evangelium stellt gleichzeitig die Uebermacht des Staerkeren kritisch in Frage. Knapp und einfach formuliert: Wenn ihr nicht Gerechtigkeit schafft, wird es nicht gut ausgehen. – Weiter ist es unsere Aufgabe als Christen, das Evangelium in unserem Land nicht zum verstummen zu bringen, sondern laut werden zu lassen. Denn die Evangeliumsbotschaft von Gerechtigkeit, Frieden und Gewaltfreiheit ist sehr, sehr wichtig in Israel und Palaestina. Weshab? Weil nur sie es schafft, dass Menschen ueber die eigenen Grenzen hinausschauen und handeln, und sogar den Feind als potenziellen Nachbarn sehen.
Unter welchem Druck stehen und arbeiten Sie als Christen in Palaestina?
Bethlehem ist umzingelt von juedischen Siedlungen. Unsere Region wird zu einer Art "Bantustan" gemacht. Isoliert durch Stacheldraht, Sicherheitsgraeben und eine acht Meter hohe Mauer, die Israel derzeit um die Region Bethlehem herum errichtet. Wir werden so unter Zwang zu einem total benachteiligten "Homeland" gemacht, nach dem Muster des laengst ueberwundenen suedafrikanischen Apartheid- System. Und ausserdem erleiden beide Gesellschaften – Palaestina sowie Israel – einen Rechtsruck in Richtung Fundamentalismus. In Israel werden Rechte und Rechtsextreme politisch und religioes staerker. Und auf der arabischen Seite gewinnen Hamas und fundamentalistische Gruppen an Boden. In diesem bitteren Kontext der Fundamentalisierung bedeutet das Evangelium: Man kann nicht durch die eigenen Werke selig werden, das Heil erzwingen, Gott unter Druck setzen – so wie das die Fundamentalisten in saemtlichen Religionen tun wollen. Im Kontext der palaestinensischen Selbstmordattentate und israelischer Kriegsgewalt lehrt das Evangelium: Es gibt ein Leben vor dem Tod. Ich habe also als Pfarrer den Menschen hier zu verkuendigen, dass es sich lohnt hier und jetzt zu leben, nicht aufzugeben und gewaltlos zu arbeiten. Vieleicht kann man eine so akzentuierte Botschaft in den gesicherten Lebensverhaeltnissen Westeuropas kaum verstehen. Doch in Bethlehem von heute ist dies die zentrale Botschaft.
Was haben die Militaeraktionen in Bethlehem 2002 veraendert?
Zurueck bleibt jede Menge Zerstoerung. Auch an unserem Gemeindehaus. Zurueck bleiben sehr, sehr viele traumatisierte Menschen. Vornehmlich Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene jeden Alters. Und drittens: Es bleibt sehr viel Armut und wirtschaftliche Not. Die Region lebt hauptsaechlich vom Pilgertourismus. Doch der ist infolge des Krieges auf null zurueckgegangen. Ueber 75 Prozent der Menschen sind ohne Erwerbsarbeit. Auch deshalb bauen wir, mit evangelischem Optimismus und finanziell unterstuetzt von Finnland, das Internationle Begegnungs- und Kulturzentrum. Unsere Baustelle ist der letzte verbliebene grosse Arbeitgeber in der Region Bethlehem. Rund 100 Familien koennen drei Jahre davon leben.
Weshalb wurden Sie verhaftet?
Es war am 2. April, zwei Stunden nach der Invasion. Die Israelis kamen mit rund 400 Panzern. Vor meiner Wohnungstuer und der Kirchentuer der Weihnachtskirche ging je ein Panzer in Stellung. Sie schossen 13 Stunden lang ununterbrochen. Meine Mutter, meine Frau, unsere zwei Toechter und ich kauerten auf dem Boden. Wir fluechteten immer von derjenigen Hausseite weg, wo gerade ein Panzer schoss. Was macht man in solchen Stunden? Keinesfalls ans Fenster gehen, denn sie schiessen auf alles, was sich bewegt. Alle haben gebetet. Ich habe auch Dietrich Bonhoeffer gelesen, "Widerstand und Ergebung", das half. Waehrend dessen wurden an jenem Morgen zwei unserer Nachbarn getoetet, eine Mutter und ihr 36 Jahre alter Sohn, der als Junge einst in unsere evangelische Schule gegangen war. Spaet am selben Tag besetzte das Militaer die Kirche. 17 Menschen, alles Maenner aus der Nachbarschaft, wurden verhaftet. Sie mussten 13 Stunden auf dem kalten Boden im Innenhof liegen. Ueber ihnen standen, mit der Schusswaffe in der Hand, die israelischen Soldaten. Acht der Liegenden brachten die Militaers ins Gefaengnis, neun kamen frei. – Als zwei Tage spaeter, am 4. April, das Militaer die Tuer zum Jugendraum sprengte, ging ich hinunter und sprach auf Englisch und Hebraeisch mit den Soldaten. Sie hielten mich vermutlich fuer einen italienischen Pater, weil ich einen Priesterkragen trug. Als sie herausbekamen, dass ich ein arabischer Christ bin, wurde die Lage hier in meinem Buero lebensgefaehrlich. Doch ich bin in den darauffolgenden zweieinhalb Stunden ganz ruhig geblieben. Bis ich dann durch viele Interventionen befreit wurde.
From: Publik – Forum Zeitung kritischer Christen, "Panzer vor der Wohnungstuer", 20.Dezember 2002 |
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