Unter dem Dach der Weihnachtskirche in Bethlehem

 

Weihnachten feiern, wo Jesus geboren wurde

 

Fuer viele Christen aus aller Welt ist es das hoechste der Gefuehle:

Weihnachten an dem Ort zu sein, wo Jesus geboren wurde, wo das Kind in der Krippe lag.

Weil der biblische „Stall von Bethlehem“ einer Kirche gewichen ist, die Kaiser Konstantin schon im Jahr 334 ueber dem heiligen Platz errichtete, kommen Romantiker bei diesem Erlebnis allerdings weniger auf ihre Kosten.

Es sei denn, sie freunden sich mit dem Gedanken an, dass Jesus in einer Hoehle geboren wurde, die heute Bethlehems Attraktion Nummer eins ist:

„Runter, gucken, knipsen, raus!“

Die Regieanweisungen, mit denen der israelische Guide seine deutsche Reisegruppe durch die Grotte der Geburtskirche in Bethlehem schleusst, lassen keine andaechtige Stimmung aufkommen.

Dutzende Pilger draengeln sich die enge Treppe hinunter, um zu sehen, wo das erste Weihnachtsfest der Geschichte stattgefunden haben soll.

Der Geburtsplatz Jesu unter der Kirche ist mit einem silbernen Stern gekennzeichnet, der im Blitzlichtgewitter der Kameras reflektiert.

Ein paar Schritte daneben in einer vergitterten Nische -  die Krippe.

Haende strecken sich aus, um einmal im Leben das heilige Holz zu beruehren.

 

In der Geburtskirche

 

Rund zweieinhalb Millionen Touristen kommen jaehrlich nach Israel, und mindestens die Haelfte von ihnen besucht die Geburtskirche in Bethlehem. Der maechtige Bau im Zentrum der Kleinstadt gehoert fest ins Programm jeder Rundreise und wird staendig von Bussen angefahren.

Die niedrige Tueroeffnung, die waehrend der osmanischen Zeit in die Kirche eingebaut wurde, um Reiter auf Pferden oder Kamelen den Einlass zu verwehren, zwingt die Besucher sich demuetig herabzubeugen, wenn sie das Bauwerk betreten.

Fuer den zu erwartenden Ansturm der Pilger im Jahr 2000 ruestet man sich zur Zeit in Bethlehem: Plaetze und Strassen werden neu gepflastert, und ein hoher Aussichtsturm entsteht, von dessen Spitze ein elektrischer Stern bis ins 15 Kilometer entfernte Jerusalem leuchten soll.

 

In der Weihnachtskirche

 

Doch in der mehrheitlich von arabischen Christen bevoelkerten 40 000- Einwohner- Stadt Bethlehem sind nicht alle vom Aktivismus rund um die Geburtskirche ueberzeugt.

„Die Touristenstroeme laufen an Bethlehem vorbei“, sagt Viola Raheb vom internationalen Begegnungszentrum.

In der evangelisch- lutherischen Weihnachtskirche mitten in Bethlehems Oberstadt arbeitet seit einigen Jahren eine Organisation, die alternative Reiseprogramme fuer das Heilige Land entwickelt und durchfuehrt.

Zusammen mit ihrem Bruder, dem lutherischen Pfarrer Mitri Raheb, wirbt die Schulraetin fuer echte Begegnung mit den Menschen und der Kultur in Bethlehem.

 

Begegnungen mit einheimischen Christen

 

„Die meisten Israel- Besucher umgehen die Westbank“, bedauert Viola.

Dabei sind diese Gebiete ein durchaus lohnendes Reiseziel.

Mit dem frisch renovierten Gaestehaus in unmittelbarer Nachbarschaft zur Weihnachtskirche bietet sich fuer Gemeindegruppen und Individualreisende die Moeglichkeit eines festen Quartiers in Bethlehem.

Mit arabischen Bussen kann man von hier aus beispielsweise die Samaritergemeinden in Samaria, Sebasta oder Nablus besuchen. Gespraeche mit palaestinensischen Christen werden von dem Verein organisiert; geschulte Guides fuehren die Gruppen an biblischen Orten „mit lebendigen Steinen“ zusammen, wie Viola Raheb betont.

Fuer ihre alternative Reise- Idee, die 1997 von 3316 Touristen gebucht wurde, haben die Bethlehemer auf der Internationalen Tourismusboerse Berlin 1996 den „Todo“- Preis fuer sozial- vertraeglichen Tourismus erhalten. Am Heilig Abend in diesem Jahr bietet das Zentrum uebrigens auch eine echte Alternative zum traditionellen Weihnachtsprogramm in der Geburtskirche an:

Nach einem Gottesdienst in der Weihnachtskirche und einem musikalischen Programm brechen die Gaeste auf zu einer naechtlichen Wanderung durch die Hirtenfelder von Bethlehem.

Ein authentisches Weihnachtserlebnis fernab der offiziellen Weihnachtsfeier.

Denn die sieht ganz anders aus: In einem langen Festzug ziehen die Wuerdentraeger der verschiedenen Konfessionen gemeinsam mit palaestinensischen Pfadfindergruppen schon mittags zum Krippenplatz. Abends folgen Chorgesaenge und ein Feuerwerk.

Die mitternaechtliche roemisch- katholische Messe in der Katharinenkirche bildet den Hoehepunkt. Die ganze Nacht hindurch werden in der Geburtsgrotte Messen zelebriert.

 

Lothar Simmank, blick in die kirche, „Unter dem Dach der Weihnachtskirche in Bethlehem“, January, 1999