Weihnacht in Bethlehem

 

Gespannte Vorfreude in der Geburtsstadt Jesu:

Wie sich die lutherische Gemeinde auf das Fest vorbereitet

 

 

Geruechte ueber einen Anschlag der Terrorgruppe al Qaida und die Abriegelung der Stadt daempfen die weihnachtliche Vorfreude in Bethlehem

 

Die Geburtstadt Jesu hat sich herausgeputzt. Von den Kaempfen der vergangenen Jahre ist kaum mehr etwas zu sehen.

Bethlehem macht in der Vorweihnachtszeit 2005 einen schmucken und einladenden Eindruck, die Geschaefte sind offen, nur die Touristen fehlen.

Die in den vergangenen Jahren schon zur Tradition gewordenen Klagen ueber die israelischen Besatzer , ihre Panzer, Kontrollen und Brutalitaet scheinen einer Lethargie oder vieleicht auch Ernuechterung gewichen.

Als fehle die kriegerische Spannung, machen derweil in Bethlehem Geruechte die Runde, der Al Qaida Terrorist Ajman al- Sarkawinplane plane zur Weihnachtszeit Anschlaege auf die heiligsten Staetten der Christenheit und die palaestinensischen Christen.

In einem Sonntagsblatt- Gespraech berichtet Pfarrer Mitri Raheb, lutherischer Pfarrer von Bethlehem, ueber die Situation seiner Heimatstadt in der vorweihnachtlichen Zeit.

 

Gespannte Erwartung in Bethlehem

 

Geruechte ueber einen Anschlag daempfen die Weihnachtsvorfreude

 

Bethlehem bereitet sich auf den Weihnachtsabend vor.

Israelische Sperranlagen und Geruechte ueber einen Anschlag der Terrorgruppe Al- Qaida daempfen die Vofreude.

 

 

Sobald die Sonne in der Richtung, in der das Mittelmeer liegt, versunken ist, faengt in Bethlehem der Weihnachtsschmuck an zu glitzern.

Die Geburtstadt Jesu hat sich herausgeputzt. Von den Kaempfen der vergangenen Jahre ist kaum mehr etwas zu sehen. Der gelbe Kalkstein der Haeuser und Strassen der Altstadt glaenzt im Abendlicht golden.

Bethlehem macht in der Vorweihnachtszeit 2005 einen schmucken und einladenden Eindruck.

Neues Pflaster nicht nur am Krippenplatz vor der Geburtskirche, sondern auch in den Altstadtgassen bis zum alten Nordtor. 

Vieleicht war die Stadt noch nie in einem so aufgeraeumten Zustand.

Die Strassen sind fuer orientalische Verhaeltnisse sauber, die Geschaefte offen, die Haendler wie ueblich aufdringlich einladend, aber freundlich.

Nur die Touristen fehlen. Im nobelsten Hotel der Stadt, dem "Jacir Palace Inter- Continental", unweit des Rachelgrabs an der Hauptstrasse nach Hebron, sollen gerade einmal vier oder fuenf Zimmer belegt sein.

Im Foyer ist ein Christbaum aufgestellt.

Die in den vergangenen Jahren schon zur Tradition gewordenen Klagen ueber die israelischen Besatzer, ihre Panzer, Kontrollen und Brutalitaet scheinen einer Lethargie oder vieleicht auch Ernuechterung gewichen.

Niemand beklagt sich darueber, und das, obwohl die Mauer und der Zaun, die Israel von den palaestinensischen Autonomiegebieten trennen, noch nie so perfekt und effektiv waren.

Als fehle die kriegerische Spannung, machen derweil in Bethlehem Geruechte die Runde, der Jordanier Ajman al- Sarkawi, der im Irak den Widerstand gegen die Amerikaner organisiert und zu den Hauptdrahtziehern der Al-Qaida gerechnet wird, habe zur Weihnachtszeit Anschlaege auf die heiligsten Staetten der Christenheit und die palaestinensischen Christen geplant.

Als genaue Anschlagsziele werden die Universitaet von Bethlehem, die Bethlehem Arab Society und die Geburtskirche gehandelt.

Niemand kann dafuer eine genaue Quelle angeben.

Doch immerhin ueberlegen Bethlehemer Eltern laut, ob sie ihre Kinder bei den traditionellen Pfadfinderparaden mitmachen lassen sollen oder der Krippenplatz und die Geburtskirche an Heiligabend nicht besser zu meiden waeren.

Salah a- Ta'amri, ein Beduine mit verwandtschaftlichen Beziehungen ins jordanische Koenigshaus, wird Ende Dezember den Posten des Gouverneurs von Bethlehem uebernehmen. Der Brigadegeneral der Fatah- Bewegung, der vor ein paar Jahren noch die von Israel belagerten palaestinensischen Freiheitskaempfer in der Geburtskirche befehligt hatte, weist die Anschlagsgeruechte als unbegruendete Panikmache mit einer Handbewegung ab.

Palaestinensische Journalisten sehen das aehnlich und meinen, da wolle nur jemand den Christen das Weihnachtsfest verderben oder stoere sich daran, dass so viele Muslime aus Bethlehem begeistert Weihnachten feiern.

Nach dem Selbstmordanschlag des islamischen Dschihad am ersten Dezembermontag in Netanya , bei dem fuenf Israelis ermordet und Dutzende verletzt wurden, verhaengte das israelische Militaer eine Sperre ueber die Palaestinensergebiete.

In der Verlautbarung der Armeesprechers wird aber sofot betont, dass trotzdem waehrend der Weihnachtsfeiertage 500 palaestinensischen Christen die Einreise nach Israel erlaubt werde, um in Jerusalem an Gottesdiensten teilnehmen zu koennen. 

Der erste Eindruck in den Tagen nach dem Anschlag ist laut Bethlehemer Buergern allerdings, dass sich mit der Sperre fuer Bethlehem nichts veraendert hat.

Das gegrillte Lamm und die Haehnchen am Krippenplatz sind genau dieselben wie in den Jahren zuvor. Auch am Bild der Beduinenfrauen und Haendler im Souk der Altstadt hat sich nichts veraendert. Sehnsuechtig warten sie auf Kunden.

Nur der Grenzuebergang zwischen Bethlehem und Jerusalem ist neu.

Der altbekannte "Checkpoint 300" ist verschwunden. Wenige hundert Meter dahinter wird der traditionelle Weg nach Bethlehem von einer neun Meter hohen Mauer und einem massiven Stahltor versperrt.

Daneben glaenzt nagelneu "Rahels Grenzuebergang".

Begeistert schwaermt der Militaersprecher von der Aestethik und modernen Technologie des Terminals, ueber den Touristen, Pilgern und israelischen Arabern ein unkomplizierter Zugang zu den heiligen Staetten Bethlehems ermoeglicht werden soll.

Fremdenverkehrsexperten aber warnen vor "Depressionstouristik".

Der Ernstfall kommt an Heiligabend.

 

Text: Johannes Gerloff

 

Hartmut Joisten (Hrsg.), Sonntagsblatt Evangelische Wochenzeitung fuer Bayern,

"Weihnacht in Bethlehem- Gespannte Vorfreude in der Gebrutsstadt Jesu", Ausgabe Muenchen und Oberbayern, 25.Dez.2005/1.Jan.2006, Seite 5